Mit einem kleinen Überblick über die vergangenen 10 Jahre Braunschweiger Psychiatrie-Forum eröffnete Herr Neese-Busch am 14 April um 19 Uhr vor ca. 75 Zuhörern den ersten Trialog in 2010. Herr Neese-Busch vom Verein Der Weg beschrieb die Anfänge der auf Dorothea Buck zurückgehenden Psychoseseminare, bei denen Helfende, Angehörige und Betroffene/Psychiatrieerfahrene miteinander ins Gespräch kommen sollen. Als einen Höhepunkt des hiesigen Trialoges bezeichnete Herr Neese-Busch den Besuch von Dorothea Buch vor ca. 8 Jahren, welche das Ex-in Projekt, also das Thema dieses Abends, als konsequente Weiterentwicklung von Bewegungen wie Empowerment und Recovery sieht.
Um ca. 19:10 Uhr übergab Herr Neese-Busch dann das Wort an den Referenten Jörg Utschakowski von F.O.K.U.S, der Initiative zur sozialen Rehabilitation aus Bremen. Herr Utschakowski erwähnte zunächst, das er selbst von 1984 bis 1987 in Braunschweig gelebt und studiert habe und sprach von den Startschwierigkeiten des Europäischen-Pilot-Projektes. Zunächst standen auch Fragen im Raum wie... Sind Psychiatrierfahrene überhaupt geeeignet? ... Sind sie die besseren Experten? ... oder handelt es sich einfach nur um billige Arbeitsplätze?
Herr U. erwähnte die bereits erzielten Erfolge von ähnlichen Projekten im Ausland (England, Australien, Niederlande), wo unter Einbeziehung von Psychiatrieerfahrenen sich Lebensprobleme reduzierten, die Erkrankten sich besser abgeholt fühlten, die Lebensqualität und die Qualität der psychiatrischen Versorgung letztendlich stieg. Symptome gingen sowohl aus subjektiver als auch aus objektiver Sicht zurück und man erzielt gute Erfolge unter von "Profis" definierten Bedingungen.
Grundlage der EX-in-Ausbildung ist u. a. Die Beschäftigung mit dem Erfahrungsschatz von Psychiatrie-Erfahrenen, wo man zunächst durch Reflektion über die eigenen wichtigen Erfahrungen zu einem Ich-Wissen gelangt. Durch Veräußerung bzw. den Austausch mit Anderen über die gemeinsamen Erfahrungen ergibt sich schließlich ein gemeinsam verstandenes Wir-Wissen.
Frei nach dem Motto "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde" können zum Beispiel Profis fremde Erfahrungen schwierig nachvollziehen und nur Psychiatrieerfahrene können, wie zum Beispiel in einem Raucherraum einem Psychiatrischen Krankenhaus, ähnlich gemachte Erfahrungen nachvollziehen. So kann ein Psychiatrie-Erfahrener sich auf das geschaffene Wir-Wissen berufen und sagen: "Nicht nur ich kenne/kritisiere das, sondern andere auch !!!"
Vorausetzung für die Teilnahme an einer EX-in-Ausbildung sind Psychiatrie- und Selbsthilfeerfahrung sowie die Bereitschaft zu Gruppenprozessen. Menschen, die nicht von sich sprechen mögen, sind in einer solchen Ausbildung nicht gut aufgehoben. Außerdem ist EX-in als eine Ausbildung zu verstehen, in der man aus Erfahrungen lernt und darüber redet, und nicht etwa als Selbsterfahrungsgruppe. In Praktika probieren sich die werdenden EX-in-lerInnen aus und da zum Beispiel vor dem Hintergrund, wie es ist, mit Profis zusammen zu arbeiten. In einem Portfolio – ähnlich wie die Abgabemappe bei der Bewerbung zu einem Kunststudium – wird erarbeitet und ans Licht geholt, was derjenige / diejenige schon alles gemacht hat. In einem persönlichen professionellen Profil (= PPP) wird erarbeitet, was die Person gut kann und wovor sie zum Beispiel Angst hat. Herr Utschakowski berichtete davon, dass jemand nur dozieren möchte, da ihm/ihr die anderen Sachen zu nah sind. Die Auszubildenden müssen sich darüber klar werden, was sie wollen und was sie können.
In den einzelnen Ausbildungsmodulen werden gesundheitsfördernde Haltung, Empowerment ("Herr über die eigene Situation werden"), Erfahrung und Teilhabe, Trialog und Recovery vermittelt. Aufbaumodule sind zum Beispiel Selbsterforschung und Beratung.
Die Finanzierung der EX-in-Ausbildungen war am Anfang nicht immer ganz klar, jedoch kommen – unterschiedlich nach Regionen – Arbeitsagenturen, persönliches Budget, Hilfe zur Wiedereingliederung, Zuschüsse, der zukünftige Arbeitgeber und private Beiträge in Frage. Die Ausbildung beinhaltet somit 11 Module, die über ein Jahr verteilt sind. Es gibt in Deutschland bisher knapp 80 Absolventen, wovon ca. 50 % eine bezahlte Arbeit haben.
Die bisherigen Absolventen berichten davon, dass sie mehr Selbstvertrauen bekommen haben und ein anderes Verhältnis zu ihrer seelischen Erschütterung. Sie arbeiten zum Beispiel 5 h pro Woche und verdienen sich was zur EU-Rente dazu oder als Festanstellung in einer Tagesklinik oder als Honorarkraft für Fortbildungen. So entstehen immer mehr Jobs für die Absolventen.
Es gibt zahlreiche Potentiale von Experten aus Erfahrung. Aufgrund einer mit den Erkrankten geteilten Lebens- und Erfahrungswelt gelingt ihnen der Kontakt. Sie sprechen sozusagen die gleiche Sprache, können bilingual übersetzen und es fallen ihnen oft pragmatische Lösungen ein, auf die die Profis vielleicht nicht gekommen wären. Sie können den Sinn in der Erschütterung entdecken und als Modell dienen für ein "Licht am Ende des Tunnels".
Schwierigkeiten gibt es bisweilen in der Kooperation zwischen Peer und Profi und in deren Rollenfindungen. Ein outen als PE ist unbedingt notwendig. Viele Profis sehen ein Problem darin , das die Experten aus Erfahrung Teil der Erfahrungen sind und somit nicht aus der professionellen Distanz agieren können.
Mit dem Verweis auf Quellen im Internet beendete Herr Utschakowski um 20 Uhr seinen Vortrag und stand für Rückfragen zur Verfügung. Auf die Frage nach kritischen Äußerungen zu EX-in aus Reihen des BPE sagte Herr U., dass man sich mit dem BPE in Bochum getroffen habe und dass man sich nach dem Treffen "schon näher" gewesen sei. Ein Kriterium, wie lange die letzte Krise bei einem Kandidaten zurückliegen muss, gibt es nach Aussage von Herrn U. nicht. Auf die Frage nach dem Altersspektrum der bisherigen AbsolventInnenm, sprach Herr U. Von 69 als höchtest Alter und von 25 als jüngstes. Die Zusammensetzung der Kurse beschrieb Herr U. Noch mit Teilnehmerzahlen von 16 bis 20 Leuten, wobei an einem Wochenende pro Monat von Donnerstag bis Samstag ca. 25 Stunden abgeleistet werden. Dann beendete Herr Nesse-Busch den Trialog um ca. 20:30 Uhr.
Braunschweig, 14.04.2010, Matthias D.
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